Wer hat das Attentat auf Charlie Hebdo gesponsert?

Ein französischer 11. September?

Wer hat das Attentat auf Charlie Hebdo gesponsert?

Während viele Franzosen auf den Anschlag gegen Charlie Hebdo reagieren, indem sie den Islamismus denunzieren und auf den Straßen demonstrieren, sagt Thierry Meyssan, dass die Dschihad-Interpretation unmöglich ist. Obwohl auch er gut beraten wäre, hier einfach eine Operation von Al-Qaida oder von Daesh zu denunzieren, ersinnt er eine andere Hypothese, eine viel gefährlichere.

| Damaskus (Syrien)

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In dieser Reportage hat France 24 das Video geschnitten, damit man nicht die Angreifer sieht, wie sie einen Polizisten am Boden erledigen.

Am 7. Januar 2015 dringt ein Kommando in Paris in die Räume von Charlie Hebdo ein und ermordet 12 Personen. 4 andere Opfer sind noch zwischen Leben und Tod.

Auf den Videos hört man die Angreifer „Allah Akbar!“ schreien, und dann, dass sie „Mohamet gerächt haben“. Ein Zeuge, der Designer Coco, erklärte, dass sie sich auf al-Kaida berufen. Man brauchte daher nicht mehr, damit viele Franzosen das Attentat als islamistisch anprangerten.

Diese Annahme ist allerdings unlogisch.

Die Aufgabe dieses Kommandos hat keine Verbindung mit der Dschihad-Ideologie

In der Tat hätten sich die Mitglieder oder Sympathisanten der Muslimbruderschaft, von al-Kaida oder von Daesh nicht begnügt, nur atheistische Zeichner zu ermorden, sie hätten zuerst das Archiv der Zeitung vor ihren Augen zerstört, nach dem Muster ihrer Taten in allen ihren Operationen im Maghreb und in der Levante. Für Dschihadisten ist die erste Pflicht Objekte zu zerstören, die ihnen zufolge Gott beleidigen, bevor sie die „Feinde Gottes“ bestrafen.

In ähnlicher Weise hätten sie sich nicht sofort zurückgezogen, wären nicht vor der Polizei geflüchtet, ohne ihre Mission abzuschließen. Sie hätten stattdessen ihre Aufgabe erfüllt, selbst wenn sie vor Ort sterben sollten.

Darüber hinaus zeigen die Videos und manche Zeugenaussagen, dass die Angreifer Profis waren. Sie waren mit der Waffenhandhabung gut vertraut und feuerten nur für ein richtiges Ziel. Sie waren nicht wie Dschihadisten gekleidet, sondern wie militärische Kommandos.

Die Art und Weise, in der sie einen verwundeten Polizisten auf dem Boden erledigt haben, der keine Gefahr für sie war, bestätigt, dass ihre Mission nicht war, „Mohamet“ vor dem fetten Humor von Charlie Hebdo „zu rächen“.

 

Das vom französischen Fernsehen zensierte Video

Dieser Vorgang soll den Anfang eines Bürgerkrieges schaffen

Die Tatsache, dass die Angreifer gut Französisch sprechen und wahrscheinlich auch Franzosen sind, lässt nicht die Behauptung zu, dass dieses Attentat eine rein französische Angelegenheit ist. Ganz im Gegenteil, die Tatsache, dass sie Profis sind, verlangt, dass man sie von möglichen Sponsoren unterscheidet. Und nichts beweist, dass letztere Franzosen sind.

Es ist ein normaler, aber intellektuell falscher Reflex zu glauben, seine Angreifer zu kennen, wenn man gerade angegriffen wurde. Das ist das logischste, wenn es sich um normale Verbrechen handelt, aber ist falsch wenn es um internationale Politik geht.

Die Sponsoren dieses Angriffs wussten, dass sie eine Kluft zwischen muslimischen und nicht- muslimischen Franzosen verursachen würden. Charlie Hebdo war spezialisiert auf anti-muslimische Provokationen und die meisten Muslime in Frankreich waren direkt oder indirekt ihre Opfer. Wenn die französischen Muslime auch diesen Angriff zweifellos verurteilen werden, wird es ihnen aber schwer fallen, genauso viel Trauer für die Opfer zu empfinden wie die Leser ihrer Zeitung. Diese Situation wird dann von manchen als Komplizenschaft mit dem Mördern angesehen werden.

Anstatt dieses sehr mörderische Attentat als islamische Rache gegen eine Zeitung zu betrachten, die die Mohammed-Karikaturen promovierte und antimuslimische Schlagzeilen veröffentlichte, wäre es logischer, den Anschlag als die erste Episode eines Prozesses auf dem Weg zum Bürgerkrieg anzusehen.

Die ’Clash of Civilizations’-Strategie wurde in Tel Aviv und Washington entwickelt

Die Ideologie und Strategie der Muslimbruderschaft, von Al-Kaida und Daesh befürwortet nicht die Schaffung eines Bürgerkrieges im „Westen“, sondern im Gegenteil, ihn im „Orient“ zu schaffen und die beiden Welten voneinander gut zu trennen. Niemals haben Said Qutb, oder einer seiner Nachfolger zu einer Konfrontation zwischen Muslimen und nicht-Muslimen bei ihnen aufgerufen.

Stattdessen wurde die Strategie des „Clash of Civilizations“ von Bernard Lewis für das US National Security Council entwickelt, und dann von Samuel Huntington populär gemacht, und zwar nicht als Strategie der Eroberung, sondern als eine voraussehbare Situation [1]. Sie sollte die Bevölkerungen der NATO-Mitgliedsstaaten überzeugen, dass der Kampf unvermeidlich sei und präventiv die Gestalt eines „Krieges gegen den Terror“ angenommen habe.

Es ist nicht in Kairo, Riyad oder in Kabul, wo man den „Kampf zwischen Kulturen“ befürwortet, sondern in Washington und Tel Aviv.

Die Sponsoren des Angriffs gegen Charlie Hebdo haben nicht die Ziele der Dschihadisten oder der Taliban befriedigt, sondern die der Neokonservativen oder der Liberalen Falken.

Vergessen wir nicht die historischen Präzedenzfälle

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in den letzten Jahren amerikanische oder NATO-Geheimdienste gesehen haben,
- die Drogen mit verheerenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung in Frankreich getestet haben [2] ;
- die die OAS unterstützt haben, um zu versuchen, Präsident Charles De Gaulle zu ermorden [3] ;
- die Angriffe unter falscher Flagge gegen Zivilisten in mehreren Mitgliedstaaten der NATO ausgeführt haben [4].

Wir dürfen nicht vergessen, dass der US-Generalstab, seit dem Auseinanderbrechen von Jugoslawien, seine Strategie der „Hundekämpfe“ in vielen Ländern in die Praxis umgesetzt hat. Sie besteht darin, Mitglieder der Mehrheit der Gesellschaft und dann Mitglieder der Minderheiten zu töten, beiden die jeweilige Verantwortung dafür zuzuschieben, bis alle überzeugt sind in Todesgefahr zu sein. Auf diese Weise hat Washington beide Bürgerkriege, in Jugoslawien und vor kurzem in der Ukraine angefacht [5].

Die Franzosen wären gut beraten, nicht zu vergessen, dass es nicht sie waren, die die Initiative ergriffen haben, gegen die aus Syrien und dem Irak zurückgekehrten Dschihadisten zu kämpfen. Bis heute hat keiner von ihnen nicht den geringsten Angriff in Frankreich durchgeführt, und der Fall von Mehdi Nemmouche ist nicht jener eines einsamem Terroristen, sondern eines Agenten in Brüssel, der zwei Mossad-Agenten erledigen sollte. [6] [7]. Es war Washington, das am 6. Februar 2014 die Innen-Minister von Deutschland, von den Vereinigten Staaten, von Frankreich (Herr Valls ließ sich vertreten), von Italien, Polen und Großbritannien einberufen hat, um aus der Rückkehr der europäischen Dschihadisten eine Frage der nationalen Sicherheit zu machen [8]. Es war erst nach diesem Treffen, dass die französische Presse dieses Thema angeschnitten hat, und dass dann die Behörden begonnen haben, zu reagieren.

 

John Kerry sprach zum ersten Mal auf Französisch, um den Franzosen eine Nachricht zukommen zu lassen. Er verurteilt einen Angriff auf die Meinungsfreiheit (obwohl sein Land seit 1995 nicht aufgehört hat, Fernsehen, die ihm in Jugoslawien, Afghanistan, Irak und Libyen widersprachen, zu bombardieren) und feiert den Kampf gegen den Obskurantismus.

Wir wissen nicht, wer diese profi-Operation gegen Charlie Hebdo gesponsert hat, aber wir sollten uns nicht aufstacheln lassen. Wir sollten alle Hypothesen prüfen und erkennen, dass man uns zu diesem Zeitpunkt höchstwahrscheinlich spalten will; und die wahrscheinlichsten Sponsoren sind in Washington.

Übersetzung
Horst Frohlich

Quelle
Düsseldorfer Abendblatt (Deutschland)

[1] « La „Guerre des civilisations“ », par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 4 juin 2004 [auch auf Englisch].

[2] « Quand la CIA menait des expériences sur des cobayes français », par Hank P. Albarelli Jr., Réseau Voltaire, 16 mars 2010.

[3] « Quand le stay-behind voulait remplacer De Gaulle », par Thierry Meyssan, Réseau Voltaire, 10 septembre 2001 [auch auf Englisch].

[4] «Les Armées Secrètes de l’OTAN», par Daniele Ganser, éd. Demi-Lune. Disponible par chapitre sur le site du Réseau Voltaire.

[5] « Le représentant adjoint de l’ONU en Afghanistan est relevé de ses fonctions », « Washington peut-il renverser trois gouvernements à la fois ? », par Thierry Meyssan, Al-Watan (Syrie), Réseau Voltaire, 1er octobre 2009 et 23 février 2014.

[6] „Die Nemmouche-Affäre und die atlantischen Geheimdienste“, von Thierry Meyssan, Übersetzung Horst Frohlich, Al-Watan (Syrien), Voltaire Netzwerk, 9. Juni 2014.

[7] Man kann Einspruch in den Angelegenheiten Khaled Kelkal (1995) und Mohammed Mehra (2012) erheben. Zwei Fälle von „Einsamen Wölfen“ die mit Dschihadisten verbunden waren; aber nicht mit Syrien und Irak. Leider wurden beide durch die Polizei-Kräfte niedergeschossen, so dass es unmöglich ist, die offiziellen Theorien zu überprüfen.

[8] „Syrien wird „Frage der inneren Sicherheit“ in den USA und in der EU“, Übersetzung Horst Frohlich, Voltaire Netzwerk, 10. Februar 2014.

Voltaire Netzwerk

Voltaire, internationale Ausgabe

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störsender.tv – Dieter Hildebrandt sendet jetzt im Internet!

Quelle: HNA

Der Altmeister sendet jetzt im Internet

Der 85-jährige Dieter Hildebrandt mischt in seinem Magazin „störsender.tv“ aktuelle politische Debatten auf

von Nicole Flöper

Ein alter Mann sitzt in einem abgedunkelten Raum vor seinem Laptop. Mit seinem Headset gibt er Kommandos an einen Agenten vor dem Reichstag. Der schmuggelt ein Banner rein, das er über dem Bundesadler im Bundestag enthüllt: Es trägt den Titel  „Goldman Sachs“.

So wird das erste Thema des von Dieter Hildebrandt ins Leben gerufenen „störsender.tv“ eingeführt: In der ersten Folgegeht es um Kasinokapitalismus. Eine Folge des TV-Magazins dauert 30 Minuten und ist 14-tägig im Internet auf der Seite www.stoersender.tv, aber auch auf den Videoportalen youtube und Vimeo zu sehen.

Der 85-jährige hat so dem Fernsehen den Rücken gekehrt. Ende der 50er-Jahre war er mit der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ berühmt geworden. Er etablierte in den 80ern in der ARD die Kabarettsendung „Scheibenwischer“, die von 1980 bis 2008 ausgestrahlt wurde.

Außer Hildebrandt gestalten unter anderem Konstantin Wecker, Ecco Meineke und Sigi Zimmerschied das Programm. Zimmerschied agiert als Sigi Wutbürger, Wecker trällert ein lustiges Liedchen über Merkel, und Meinecke vertont „Mackie Messer“ von Bertold Brecht mit der Jazz Big Band Association neu.

Über sein Konzept sagte der 85-Jährige: Der Störsender will da stören, wo er glaubt, stören zu müssen, der Ungerechtigkeit ins Handwerk pfuschen, der Demokratie Nutzen zufügen und der Korruption ein Bein stellen. In der ersten Folge bekommt aber vor allem erst mal „Mutti“, also Angela Merkel, ihr Fett weg. Wer den Humor von Hildebrandt versteht, der hat sicher Spaß beim Zuschauen. Aber auch lernen kann man etwas, wenn zum Beispiel Hans Scharpf, Wirtschaftsanwalt und Occupy-Aktivist, seine Sicht der Dinge darstellt. In der kommenden Folge, die am Sonntag, 14. April, ausgestrahlt wird, geht es um das Thema Privatisierung von Wasser.

Das Programm von Hildebrandt kann man auch abonieren: für 66 Euro im Monat erhält man die Sendung drei Tage vorher, in besserer Qualität und kann im Forum auf der Internetseite agieren.

Karnismus: die Psychologie des Fleischkonsums

http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/karnismus-die-psychologie-des-fleischkonsums

Karnismus: die Psychologie des Fleischkonsums

Veröffentlicht am 28. Mai 2012

Fleischessen basiert auf einer Ideologie, die erst seit kurzer Zeit einen Namen hat: Karnismus. Eine nähere Betrachtung lohnt sich:

Was ist Karnismus?

Die amerikanische Psychologin Dr. Melanie Joy gab der Ideologie des Fleischkonsums erstmals einen Namen: Karnismus. Nehmen wir mal an, Sie essen Fleisch. Stellen Sie sich vor, Sie sind bei Freunden eingeladen, die Stimmung ist heiter und das Essen schmeckt so gut, dass Sie den Gastgeber nach dem Rezept fragen. Geschmeichelt sagt er Ihnen, dass das Geheimnis im Fleisch liegt: Es ist das Fleisch eines Golden Retrievers. Wie würden Sie reagieren? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie Ekel empfinden würden und das, was Sie eben noch als Essen betrachtet haben, nun nicht mehr für Sie als Mahlzeit infrage kommt. Und das, obwohl das Fleisch noch immer dasselbe ist und es Ihnen eigentlich auch geschmeckt hat. Nur Ihre Wahrnehmung ist jetzt eine andere.

Wenn es um das Thema Tiere essen geht, ist unsere Wahrnehmung größtenteils, wenn nicht komplett, von unserer Kultur bestimmt. Tatsächlich gibt es in unserer Kultur (wie in allen anderen Fleisch essenden Kulturen auch) nur eine kleine Anzahl an nichtmenschlichen Tieren, bei denen wir als Kind gelernt haben, sie als essbar zu klassifizieren. Bei der weitaus größten Anzahl an nichtmenschlichen Tieren haben wir gelernt, sie als nicht essbar und deswegen als ungenießbar oder ekelhaft einzustufen. Ekel beim Gedanken ans Fleischessen ist also nicht die Ausnahme, es ist vielmehr die Regel. Die Ausnahme ist die Abwesenheit von Ekel. Die Frage ist also: Wieso empfinden wir das Essen von einigen wenigen Spezies nicht als ekelhaft?

Der Grund liegt in einer fehlenden Verbindung in unserem Bewusstsein zwischen dem Fleisch auf dem Teller und dem Tier, das es einst war. Natürlich wissen wir, dass ein Tier sterben muss, damit wir Fleisch essen können, aber auf einer tieferen Ebene fehlt eine klare Verbindung. Und diese fehlende Verbindung blockiert nicht nur unsere Wahrnehmung der Realität von Fleisch, sondern auch unsere Gefühle und Gedanken. Doch wie entsteht diese Lücke?

Die Entstehung von Karnismus

Karnismus ist ein unsichtbares System aus Überzeugungen, das uns von Kind auf dazu konditioniert, (bestimmte) Tiere zu essen. Karnismus ist dabei einerseits eine dominante Ideologie, die – unsichtbar und tief in unserer Gesellschaft verwurzelt – unsere Überzeugungen, Handlungen, Gedanken, Normen, Gesetze, etc. formt. Andererseits ist es natürlich auch eine gewaltvolle Ideologie: Fleisch kann nicht ohne Töten hergestellt werden. Dominante und gewaltvolle Ideologien benutzen eine Kombination aus sozialen und psychologischen Verteidigungsmechanismen, die Menschen dazu veranlassen, an inhumanen Praktiken teilzuhaben, ohne vollständig zu realisieren, was sie tun. In anderen Worten: Karnismus lehrt uns, in bestimmten Situationen unser Mitgefühl auszuschalten, was wohl auch der Grund ist, warum Diskussionen zwischen vegetarisch/vegan lebenden Menschen und Karnist_innen oft aneinander vorbeilaufen sowie zu Frustrationen oder Streit führen. Um diese Situation zu verbessern, müssen wir also verstehen, um was für Verteidigungsmechanismen es sich handelt.

Die drei Verteidigungsmechanismen des Karnismus

1. Verborgenheit

Die hinter dem Karnismus liegende Ideologie machen sich die meisten Menschen nicht bewusst. Die Ideologie konnte unter anderem deshalb so gut im Verborgenen bleiben, weil sie bislang keinen Namen hatte. Wenn wir für etwas kein Wort haben, können wir nur schwer darüber nachdenken, darüber sprechen, es in Frage stellen oder kritisch betrachten. Diese Verborgenheit sorgt auch dafür, dass Fleischessen eher als gegeben anstatt als eine Wahl betrachtet wird. Zu dieser Verborgenheit kommt hinzu, dass man die Opfer des Karnismus nicht sieht. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2012 wurden laut einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes 20 Millionen Tonnen Fleisch in Deutschland produziert. Allein die Wortwahl zeigt bereits die Verborgenheit: Wir reden von Fleischproduktion und vermeiden es dabei meistens, von Tieren zu reden, über Individuen, vielleicht über »Lisa«. Wir erwähnen oft nicht die Anzahl der getöteten Tiere, sondern lieber die Summe ihres Gewichts. In Deutschland kommen auf 1000 Einwohner 180 Kühe, 329 Schweine und 1723 Hühner. Wie viele Tiere sehen Sie davon an einem Tag? Wie viele haben Sie bisher in Ihrem gesamten Leben gesehen? Andere Perspektive: Wie viele Menschen sehen Sie täglich, wenn Sie das Haus verlassen? Wenn Sie in einer Stadt wohnen oder in einem größeren Dorf, dann wohl eine ganze Menge. Und in Deutschland gibt es fast doppelt so viele »Nutztiere« wie Menschen. Wo sind also diese Tiere? Ihre Körperteile sehen wir praktisch überall, wo wir hingehen, sei es beim Einkaufen, im Restaurant, beim Essen oder an der Imbissbude um die Ecke. Wieso sehen wir diese Tiere (bis auf wenige Ausnahmen) niemals lebendig? Wir sehen sie nicht, weil wir sie nicht sehen sollen.

2. Aufbau von Mythen

Wenn die Verborgenheit schwindet, zum Beispiel in Diskussionen zwischen karnistischen und vegetarischen/veganen Menschen oder durch Medienberichte, benötigt das System eine zusätzliche Sicherung: Wir lernen Karnismus zu rechtfertigen, indem wir die Mythen des Fleischkonsums als Fakten betrachten. Diese Mythen äußern sich in einer Vielzahl von Argumenten, die – wie Melanie Joy es beschreibt – allesamt auf die drei Ns der Rechtfertigung reduzierbar sind: Fleisch essen sei normal, natürlich, notwendig. Sehen wir uns diese drei Ns des Karnismus einmal genauer an:

»Fleischessen ist normal«
Was wir als normal bezeichnen, ist im Grunde nichts anderes als die Überzeugungen und Verhaltensweisen der dominierenden Kultur in einer Gesellschaft. Die karnistischen Normen sind so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, dass wir kaum etwas anderes als »normal« empfinden können. Stellen Sie sich wieder die Szene vor, bei der Sie bei Freunden eingeladen sind und der Gastgeber Ihnen gerade erzählte, dass Sie Golden Retriever essen und Sie das aber nicht möchten. Er sagt Ihnen: »Du musst dich nicht schlecht fühlen, der Hund hatte ein schönes Leben. Er konnte frei herumlaufen und spielen und konnte Freundschaften zu anderen Hunden aufbauen, bevor er mit sechs Monaten getötet wurde.« Würde Ihnen dies das Essen des Golden Retrievers erleichtern? Karnismus ist so tief verwurzelt, dass es uns nicht gewahr wird, daß »tiergerecht produziertes Fleisch« eigentlich ein kompletter Widerspruch ist, ein Mythos, um uns an gewaltvollen Praktiken teilhaben zu lassen, die wir eigentlich niemals unterstützen würden.

»Fleischessen ist natürlich«
Um das Fleischessen als natürlich darzustellen, bedienen wir uns mehrerer willkürlich zusammengesuchter Argumente: Unsere Vorfahren haben Fleisch gegessen, andere Tiere essen auch Fleisch und so weiter. Argumente, die für die Unnatürlichkeit unseres Fleischessens sprechen, werden ausgeblendet: Unsere im Tierreich nächsten Verwandten essen praktisch kein Fleisch, nur rohes inkl. der Gedärme kann als natürlich bezeichnet werden (etc.). Dabei wird außerdem ausgeblendet, dass wir die meisten anderen »natürlichen« Lebensweisen erfolgreich und gerne hinter uns gelassen haben: Wir leben nicht mehr in Höhlen, fahren mit Autos und haben in Supermärkten die Möglichkeit, alle essentiellen Nährstoffe über rein pflanzliche Lebensmittel zu uns zu nehmen, was bei der richtigen Auswahl zu gesundheitlichen Vorteilen führt. Auch anderen »natürlichen« Phänomenen wie Mord und Vergewaltigung versuchen wir Einhalt zu gebieten und lassen das Argument, dass unsere Vorfahren auch gemordet haben, nicht gelten.

»Fleischessen ist notwendig«
Auch hier bezeichnen wir wiederum nur das als notwendig, was nötig ist, um die dominierende Kultur, den karnistischen Status quo am Leben zu erhalten. Ist das milliardenfache Töten empfindsamer Individuen (»Nutztiere«) wirklich notwendig? Der damit verbundene Mythos ist natürlich der Protein-Mythos, doch wussten Sie, dass der stärkste Mann Deutschlands, Patrik Baboumian, Veganer ist? So notwendig scheint das Essen von tierlichen Produkten also nicht zu sein.

3. Wahrnehmungsverzerrung

Der letzte karnistische Verteidigungsmechanismus ist die Verzerrung der Wahrnehmung. Zum Beispiel lernen wir, manche nichtmenschliche Tiere eher als Objekte anstatt als Individuen zu sehen. Wenn wir Hähnchen essen, essen wir etwas und nicht jemanden. Wir lernen auch, »Nutztiere« als Abstraktionen wahrzunehmen, denen es an jeglicher Individualität oder Persönlichkeit mangelt. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wie Hunde und Katzen haben auch Schweine und Hühner individuelle Vorlieben und Charaktereigenschaften. Schlußendlich lehrt uns Karnismus auch, Tiere in willkürliche Kategorien einzuordnen, gegenüber denen wir sehr unterschiedliche Gefühle und Verhaltensweisen ausüben können: »Hunde sind Haustiere und somit niedlich. Schweine sind Nutztiere und deswegen nicht niedlich. Hunde sind zum Streicheln da und Schweine zum Essen. Folglich ist Hundefleisch auch ekelhaft und Schweinefleisch lecker.«

Karnismus lehrt uns also nicht nur gewaltvollen Handlungen nachzugehen, ohne dass wir es merken, sondern uns selbst auch noch darin zu bestätigen. »Schließlich sind es ja nur Tiere.« Es ist die karnistische Mentalität, die uns dazu veranlasst, komplette Kontrolle über Leben und Tod von Individuen mit weniger Macht auszuüben, nur weil wir es können. Tiere zu essen ist nicht einfach nur eine Sache persönlicher Ethik, es ist das unausweichliche Resultat einer tief verwurzelten, unterdrückenden Ideologie.

Zum Autor

Jeff Mannes engagiert sich bei der Vegan Society Luxembourg und lebt seit 2010 vegan. Wir sind ihm insbesondere dankbar für sein Engagement, die Arbeiten von Melanie Joy zum Karnismus im deutschsprachigen Raum zu etablieren.

Literatur

Melanie Joy: Why We Love Dogs, Eat Pigs and Wear Cows: An Introduction to Carnism

ArTENreich Gnadenhof wandelt sich


El pueblo unido jamás será vencido,
el pueblo unido jamás será vencido… (Ein geeintes Volk [Dorf] kann nie besiegt werden)

Hallo liebe Freunde,

 

wir wünschen Euch allen ein gutes Neues Jahr 2015!

Zur Mitte des Jahres stellt die ArTENreich Crew den überwiegenden Teil ihrer Tierhaltung ein. Grund dafür sind seit Jahren nicht endende Behördenschikanen und die daraus nun resultierende Konzentration auf den politischen Teil unserer Arbeit.

Wir haben den Eindruck, man hat uns seitens der Behörden missverstanden. Wir waren keine privaten Tierhalter, auch nicht nach Ihren Gesetzen. Wir haben Behörden, Institutionen und Privatpersonen auf unserem Grund und Boden und auf unsere Kosten vorübergehend und auch dauerhaft für bestimmte Tiere Platz, Nahrung und eine zuverlässige Versorgung geboten. Wir haben Schwächeren Asyl geboten und dafür einen Großteil unseres Geldes und unserer Lebenszeit immer gern gegeben. Wir sind die, die allein im Wort Tierhaltung schon Gewalt fühlen, die das Halten jedweder Kreaturen zur bloßen Gewinnerzielung oder des reinen Privatvergnügens ablehnen.

Uns rechtlich mit offenkundig tierfeindlichen, rein materiell oder aus privatem Eigennutz motivierten Privathaltern, Zoos und Tierparks etcetera gleichzusetzen und uns und viele andere Tierschutzeinrichtungen mit den gleichen Regularien zu belegen, kann von der Öffentlichkeit so nicht nachvollzogen werden, und ist somit im Rahmen ihres Ermessungsspielraumes auch nicht legitim, weil gegen alles wirkend, was sich die Gesellschaft eigentlich wünscht – in diesem Falle z. B. Orte, an denen geschundene Kreaturen eine Zuflucht in Würde finden, abseits des Missbrauchs durch „die Märkte“.

Wir haben daher nach nunmehr bald sieben Jahren in Vöhl entschieden, die Konzentration unserer Zeit und unseres Kapitals von der Rettung und Betreuung von Einzelkreaturen auf den politischen Teil unserer Aufklärungsarbeit zu verlagern.

Wir werden uns auf den Angriff der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Schwächere im System vorbereiten.

Denn: wir sind uns, im Gegensatz zu vielen anderen aktiven Not- und Gnadenbrotunterkünften, rational durchaus der Tatsache bewusst, dass die Beherbergung einzelner Kreaturen, egal wie hoch deren Zahl auch ist, in der echten Welt um uns herum nur einen Tropfen auf den heißen Stein symbolisieren, egal wie gut und hochglanzpoliert die Unterbringung auch sein mag – die Tatsache dass Tiere weiterhin als bloße Genuss- und Gebrauchsgegenstände gelten, egal ob als Mahlzeit, Spielkamerad oder Bezugskontaktersatz, wird immer weitere Tierheime und Gnadenhöfe erforderlich machen, ohne das Problem an der Wurzel zu bekämpfen. Die Menschen müssen ihre Wahrnehmung und Ihr Bewusstsein für die Gleichwertigkeit anderer Lebensformen, anderer Spezies(?), schärfen – und dass können sie, mit Sicherheit, denn auch wir haben diesen Schritt irgendwann in unserem Leben persönlich durchlaufen.

Traurig und zugleich auch freudig gestimmt wollen zumindest wir uns in Zukunft darauf konzentrieren: den Horizont des Denkens, vor allem aber auch die Fähigkeit zur Empathie, zu erweitern.

 

Schiff Ahoi!

Aye Aye, bereit zum Entern..

die Mitglieder der ArTENreich Crew, Januar 2015.

 

Sonneborn rettet die Welt – ZDF_neo

Bildungsfernsehen statt bildungsfern sehen, auf ZDF_neo:

Sonneborn rettet die Welt vor dem Zusammenbruch der Finanzmärkte Folge 1

Sonneborn rettet die Welt 2013 Folge 2 vom 17.10.13 mit Martin Sonneborn

Sonneborn rettet die Welt Folge 3 vor Korruption und Intransparenz vom 24.10.2013